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Dekanat Gunzenhausen  |  E-Mail: info@dekanat-gunzenhausen.de  |  Online: http://www.dekanat-gunzenhausen.de

Ein guter Rutsch?

Wort zum Neujahr

Wir wünschen uns anlässlich des Jahreswechsels einen guten Rutsch. Doch ausrutschen will niemand. Nicht am Jahresende, und auch das Jahr über nicht. Es soll alles möglichst glatt und gut gehen. Wo am Ende des alten Jahres vielleicht noch Unklarheiten bestehen, wünschen wir uns fürs neue Jahr mehr Klarheit - und vor allem einen festen Grund und Boden, auf dem wir sichere Schritte tun können.

 

Der Monat Januar hat seinen lateinischen Namen von der römischen Gottheit Janus. Behauene Steine aus der Römerzeit zeigen diesen Janus meist mit einem zweifachen Gesicht, das vorwärts und rückwärts blickt. Beide Sichtweisen gehören aber einer einzigen Gestalt; denn beide Gesichter sind einem einzigen Kopf zugeordnet. Das doppelte Gesicht ist ein Symbol dafür, dass vieles im Leben Ansichtssache ist und nicht eindeutig einer bestimmten Auffassung zugeordnet werden kann. Im Rückblick entschwindet das alte Jahr allmählich unseren Blicken. Der Ausblick gilt dem neuen Jahr - das hoffentlich gut werden möge.

 

Weshalb wünschen wir uns einen guten Rutsch? Weil nicht klar ist, was kommt. Gesundheit und Glück, gute Freunde und verständnisvolle Mitmenschen, die nötige Zeit zum Ausspannen und Atemholen angesichts oft hoher Anforderungen im Beruf, das gehört zur gar nicht so kurzen Liste unserer Wünsche. Die Gesundheit steht darauf ganz oben geschrieben. Diese Wünsche teilen wir übrigens mit den meisten Mitmenschen weltweit und sie ihrerseits mit uns. Durch alle trennenden Verteilungskämpfe hindurch ziehen sich solche gemeinsamen Sehnsüchte: ein besseres Leben soll es geben.

 

Ausrutschen und zu Fall kommen will niemand. Hinüber rutschen in bessere Zeiten, das könnte ein Wunsch sein, der viele anspricht. Eine Mischung aus Schwung holen, eine Richtung ansteuern und sich dabei treiben lassen, ein Ziel zu erreichen oder ihm möglichst nah zu kommen, das macht Spaß. Wie weit reicht der Schwung? Muss nochmals neu beschleunigt werden? Und wo endet dann der Rutsch?

 

So ansprechend diese Überlegungen sein mögen, sie treffen nicht den Kern des Anliegens, sich „einen guten Rutsch" zu wünschen. Ein Blick in die Sprachgeschichte zeigt, dass der „Rutsch" einen völlig anderen und zudem viel klareren Sinn hat. Eine als „Judendeutsch" bezeichnete und im Mittelalter gebräuchliche Sprachform, ein Mischmasch aus deutschen, hebräischen und slawischen Wörtern, kann den Hintergrund erhellen. Juden im deutschen Sprachraum, in Mittel- und Osteuropa und weit darüber hinaus verwendeten diese Sprache, die für sie so etwas wie eine sie verbindende „Weltsprache" war. Dieses Jiddisch ist fast ausgestorben, weil es mit den osteuropäischen Juden ausgerottet wurde.

 

Am Beginn jedes neuen Jahres wünschen sich Menschen Gutes. Das gilt auch fürs jüdische Jahr, das dem Mondkalender folgt. Im September / Oktober liegt nach jüdischer Zählung der Beginn des neuen Jahres. Und am jüdischen Neujahrsfest wird kräftig gefeiert. Man wünscht sich dabei gegenseitig einen guten „Rosch", denn im Hebräischen heißt das Neujahrsfest „Rosch Haschana". Wörtlich übersetzt: Kopf des Jahres, wobei der „Kopf" für den „Anfang" steht. Der drei Worte und zwei Sprachen umfassende und zudem laut verkündete Neujahrswunsch „Einen guten Rosch!" soll in den Herzen von Kundigen die Zuversicht stärken. Das neue Jahr möge gut werden und reich an Segen sein. Jüdische Gläubige sehen in diesem gegenseitigen Zuspruch eine Einladung, gemeinsam jenem Gott zu vertrauen, der ihnen auch künftig als Begleiter zur Seite stehen will.

 

Für Unkundige bleibt der Wunsch des guten Rutsches rätselhaft. Kein Wunder, denn wer den „Rosch" (als Jahresanfang) in einen „Rutsch" umwandelt, gerät zumindest sprachlich leicht auf Glatteis und kommt dann mit dem Sinn nicht klar.

 

„Rosch Haschana", Neujahr, meint den verheißungsvollen Beginn. Bei einer Geburt ist klar: Wenn der Kopf da ist, kommt der Rest auch noch. Auf diese Erfahrung verweist der Liederdichter Paul Gerhardt. In einem seiner Osterlieder heißt es:

 

Ich hang und bleib auch hangen

an Christus als ein Glied;

Wo mein Haupt durch ist gangen,

da nimmt er mich auch mit.

 

Diese Verheißung soll auch am Anfang des neuen Jahres 2019 stehen. Sie möge in unseren Herzen die Zuversicht stärken, dass das neue Jahr gut werden und reich an Segen sein kann. Unsere menschliche Gemeinschaft lebt davon, weltweit.

 

Pfr. i.R. Majer Martin

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