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Wort zum Advent 2018: Es steht noch etwas aus !

Wort zum 1. Advent

Eigentlich war es eine spontane Idee. Aber nun kann Jakob nicht mehr anders. Jakob muss lügen. Durch Zufall hat er im Gebäude der deutschen SS-Besatzung die Nachricht gehört, die Russen hätten einige hundert Kilometer von Warschau entfernt die Deutschen in einer entscheidenden Schlacht besiegt. Für die Juden im Warschauer Ghetto bedeutet das: Die Befreier nahen. Und sie lernen wieder hoffen. Die Selbstmordrate geht gegen Null. Zukunftspläne jenseits des Krieges werden geschmiedet. Die Menschen lernen wieder hoffen. Ihr Lebensmut kehrt zurück. Und Jakob muss weiter erzählen, muss lügen, dass er ein verborgenes Radio besitzt, muss täglich Geschichten erfinden, aus denen hervorgeht, dass die Befreiung, die Erlösung näher und näher rückt. Aus Barmherzigkeit erfindet er Geschichten. Jakob lügt, damit sie ihre Rettung erleben, nicht an ihrer Hoffnungslosigkeit davor zugrunde gehen. - So erzählt Jurek Becker in seinem Roman: „Jakob der Lügner".

 

Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie .Saget den verzagten Herzen: Seid getrost , fürchtet euch nicht ! Seht, da ist euer Gott ! Er kommt und wird euch helfen. .. Und die Wüste und Einöde wird frohlocken und die Steppe wird jubeln und wird blühen wie die Lilien. Und es wird dort eine Bahn sein , die 'der heilige Weg' heißen wird. (Jesaja 35)

 

Das ist die große Adventsbotschaft des Propheten Jesaja, des Meisters der Sehnsucht, der Träume vom guten Ausgang des Lebens. Die Wüste der Hoffnungslosigkeit blüht auf. Die Resignierten, Verzweifelten stehen auf. Die Niedergedrückten, die Lahmen, die Hoffnungslahmen, die Glaubenslahmen, die in ihrer elenden Jetztsituation scheinbar Einbetonierten : die richten sich auf. Blinden, Tränenblinden, den Schwarzsehern, denen gehen die Augen auf: Gott kommt. Ein Weg tut sich auf in die Zukunft. Erlösung naht. Gott naht. Die ersten Adressaten, Empfänger dieser Nachricht waren die jüdischen Landsleute des Propheten, die jeden Glauben an die Zukunft verloren hatten vor gut 2500 Jahren.

 

Jesaja hält gegen die Bilder ihrer Verzweiflung diese Bilder der Hoffnung: Wie die Wüste aufblüht. Wie ein Gelähmter tanzt, wie aus Klagegesängen La-Ola -Wellen werden. Jesaja will die Sehnsucht nach dem guten Ausgang des Lebens wecken. Gebt euch nicht auf! Das was jetzt ist, ist - um Gottes Willen !- nicht alles.

 

W i r Heutigen, wir Christen, wir hören die Botschaft heute anders.

Denn wir wissen: der „heilige Weg" hat dann zu einer Krippe geführt, hat einfache Hirten zu einem Stall gebracht , einem Kind. „Fürchtet euch nicht, seht, da ist euer Gott !"

Und es begab sich, als das Kind zum Mann geworden war, da floh vor ihm das Seufzen und der Schmerz der Blinden und der Lahmen, der Getretenen, der von Dämonen Gefesselten. Und die Zunge des Stummen fand zurück zum Jubel.

Der heilige Weg, der führte dann von einem Kreuz zu einem Grab, das leer war am 3.Tag.

Darum sind die Träume des Jesaja keine Schäume . Sind ja schon wahr geworden „als die Zeit erfüllt war". So blicken wir auf diese Zeit zurück und darum mit Gewissheit im Herzen voraus. Weil einmal schon Advent war, Ankunft, Wahrwerden des Heils, des geheilten Lebens, darum warten wir mit Zuversicht auf das Kommen des zweiten, des großen Advents, die geheilte Schöpfung, die versöhnte, mit sich und unserem Gott versöhnte Menschheit.

 

Darum seid getrost und fürchtet euch nicht. Seht da ist euer Gott. Er kommt. Er kommt mit Zukunft für uns und unsere Welt im Gepäck.

Noch ist das Paradies nicht da. Jedes Jahr, jedes Leben hat seine Wüstenzeit, in einer gefährdeten Welt voller Schreckensbilder. Auch in dieser Vorweihnachtszeit warten oft statt Freude noch Gereiztheit, Hektik, törichtes Hin-und-her-Gerenne, warten sozusagen wilde Tiere und stachelige Pflanzen. Durch sie hindurch aber führt ein heiliger Weg. Jeden Tag dürfen wir ihn jetzt wieder neu betreten und uns Advents-Zeit nehmen, als gottgefüllte Zeit.

 

Dürfen dann auch all die äußeren Adventssymbole mitpredigen, mitverkündigen lassen, mit denen wir Haus und Wohnung schmücken: der Kranz als die Verheißung des ewigen gottgeretteten unaufhörlichen Lebens, das Tannengrün als Angeld auf das dem Verdorren entrissene Sein, die Lichter und Kerzen als Licht vom großen Morgenglanz der Ewigkeit, dem Licht des Festsaals Gottes. Ja, all das darf unsere Sinne mit Vorfreude anstecken auf den großen Advent Gottes hin, wo es dann heißen wird: Seht da ist unser Gott, auf den wir hofften!

 

Detlef Meyer, Pfarrer in Merkendorf und Hirschlach

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